Zu Besuch bei der Integrierten Leitstelle Ansbach (ILS)

07. Mai 2018

Landtagsabgeordneter Harry Scheuenstuhl (SPD) erkundigt sich nach Situation der Leitstelle in Ansbach: „Trotz der Fülle an Herausforderungen, wird hier hervorragend gearbeitet.“

Bei einem Besuch der Integrierten Leitstelle (ILS) Ansbach konnte sich der Landtagsabgeordnete und Rettungsdienstexperte Harry Scheuenstuhl (SPD), der neben den Landkreisen Fürth und Neustadt/Aisch - Bad Windsheim auch für die Betreuung von Stadt und Landkreis Ansbach zuständig ist, über die aktuelle Situation der Leitstelle in Ansbach informieren.

Die Leitstelle Ansbach deckt ein Einsatzgebiet von insgesamt 3.300 Quadratkilometer in drei Gebietskörperschaften, der kreisfreien Stadt Ansbach mit 54 Ortsteilen, dem Landkreis Ansbach mit 58 Gemeinden sowie dem Landkreis Neustadt a.d. Aisch - Bad Windsheim mit insgesamt 38 Gemeinden, ab. Die wichtigste Aufgabe der Integrierten Leitstelle ist dabei die Einsatzabwicklung, also die effektivste und schnellmöglichste Hilfe für Menschen in Notlagen. Die ILS Ansbach gewährleistet dies für 321.200 Einwohnerinnen und Einwohner.

Im Mittelpunkt des gemeinsamen Gesprächs mit Leitstellenleiter Dominik Wenninger und seinem Stellvertreter Markus Seegert stand dabei unter anderem die Einhaltung der sogenannten Hilfsfrist, also der Zeit zwischen Ausrücken der Rettungskräfte und deren Ankunft am Einsatzort. Im Freistaat ist diese Frist mit 12 Minuten angegeben. „Aus einer Antwort des Innenministeriums auf meine Anfrage geht hervor, dass im Durchschnitt jedes zehnte Einsatzfahrzeug in Bayern länger als die angestrebte Hilfsfrist von zwölf Minuten benötigt.“, erklärt der Abgeordnete Scheuenstuhl.
„Im Bereich Dietenhofen, Mitteleschenbach und Wolframs-Eschenbach sowie im Südlichen Steigerwald bereitet die Einhaltung durchaus Probleme. Auch merken wir in der Leitstelle immer wieder, dass in unserem Leitstellen-Bereich eine maximalversorgende Klinik nicht vorhanden ist.“, so Wenninger. Gerade die bayernweite Steigerung der Einsatzzahlen von 2007 bis 2016 um 54 Prozent von 655.000 im Jahr 2007 auf 1.010.000 Notfälle im Jahr 2016 stellt die Leitstellen vor große Herausforderungen. Laut Wenninger sind die Rettungsdienst-Einsätze im ILS-Bereich innerhalb eines Jahres um 4,5 Prozent auf 58.500 Einsätze in 2017 gestiegen. Die erhöhte Belastung zeigt sich auch an der Zahl der Beschäftigten: „Waren 2011 noch 19 Disponenten, die sich um die Annahme und Koordinierung von Notrufen kümmerten, sind es 2018 bereits 27 Disponenten.“, so Wenninger. Auch die Abmeldung von Krankenhäusern und der damit einhergehende Aufnahme-stopp an den Notaufnahmen war Gegenstand des Gesprächs. Die Ansbacher Leitstelle verzeichnete im letzten Kalenderjahr eine Abmeldedauer von insgesamt 17.100 Minuten (beziehungsweise rund 12 Tage). 2016 waren es noch 11.600 Minuten (oder 8 Tage).
Scheuenstuhl kritisiert: „Durch die Überbelastung der Notaufnahmen, wird der Rettungsdienst immer öfter abgewiesen und verliert wertvolle Zeit bei der Suche und der Fahrt zu einem Krankenhaus, welches noch Kapazitäten hat. Das ist eine gefährliche Entwicklung, die wir unbedingt stoppen müssen. Hier steht die Gesundheit unserer Bevölkerung auf dem Spiel und die bayerische Staatsregierung wäre gut beraten, sich dieses Problems schnell anzunehmen.“
Eine zusätzliche Herausforderung, die die tägliche Arbeit der Einsatzkräfte mittlerweile erschwert, ist die notwendige intensive Reinigung nach einer Belastung des Rettungswagens mit multiresistenten Erregern. „Die hohen Reinigungszeiten führen demnach zu längere Ausfallzeiten des Rettungsmittels. In der Folge kommt es häufiger zu Verschiebungen der Rettungsmittel, die dann andernorts fehlen. Im Bereich der ILS Ansbach kann das bis zu dreimal pro Tag vorkommen.“, erläutert der stellvertretende Leiter Markus Seegert.
„Als weitere Option muss dann das Feuerwehrfahrzeug zum Herzinfarkt ausrücken.“, fügt Scheuenstuhl an und verweist dabei darauf, dass immer wieder Ortsfeuerwehren zu medizinischen Notfällen hinzugezogen werden. Wenninger hierzu: „Die Rettung von Menschenleben hat bei uns oberste Priorität. Bei einem entsprechenden Zeitvorteil kümmert sich dann die Feuerwehr zuerst um die notleidende Person. In diesem Jahr war das bisher bei 10 Einsätzen der Fall.“

Insgesamt acht Integrierte Leitstellen grenzen an das Gebiet der Leitstelle Ansbach an. Bei Großschadenslagen, wie im Falle des Sprengstoffanschlages in der Ansbacher Altstadt 2016, werden in der Regel vier bis fünf angrenzende Leitstellen hinzugezogen. „Eine Vernetzung der Leitstellen gibt aber es nicht, die Anforderung von Unterstützung aus anderen Bereichen erfolgt meist telefonisch. Bei einer punktuellen Schadenslage ist eine solche Unterstützung in der Regel immer gewährleistet. Anders kann es sich unter Umständen bei Flächenschadenslagen verhalten.“, so Dominik Wenninger.
„Um der Mangelverwaltung in den Leitstellen wirksam entgegenzutreten, ist die Einbeziehung eines Zukunftsfaktors in die aktuelle Trend- und Strukturanalyse des Rettungsdienstes in Bayern [sog. TRUST-Gutachten] essentiell wichtig.“, meint Scheuenstuhl. Das TRUST-Gutachten des Instituts für Notfallmedizin und Medizinmanagement im Auftrag des Bayerischen Innenministeriums und den Sozialversicherungsträgern wird zur Ermittlung des Rettungsdienstbedarfs im Freistaat herangezogen.

Bei dem gemeinsamen Gespräch wurde deutlich: „Trotz der hohen Belastung und der Fülle an Herausforderungen, wird hier hervorragend und hochprofessionell gearbeitet.“, sagt der Abgeordnete und fügt an: „Das ist auch das Problem an der Sache. Denn wer so gut mit den wenigen verfügbaren Ressourcen umgeht, kann in der Regel nicht auf mehr Ressourcen hoffen.“
Um wirkungsvoll nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen und darüber hinaus Vorschläge aus der Praxis zur weiteren Verbesserung des Rettungswesens im Freistaat wirksam in die aktuelle politische Debatte einzubringen, wird deshalb auf Scheuenstuhls Initiative hin am 27. Juni 2018 eine Große Sachverständigenanhörung zur Lage und Verbesserung der Situation der Rettungsdienste im Freistaat im Bayerischen Landtag stattfinden.

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